Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer: Das große Ganze aufzeigen

Die Bildungspunks (Edupunks) rufen in der Beitragsparade zum Monat Oktober das Thema ‘Fortbildungen’ auf. Dies ist mein Beitrag.

Die Arbeitswelt wandelt sich. Wie genau die Arbeit von morgen aussehen wird, weiß heute noch niemand. Bei einem Thema sind sich aber alle einig. Weiter- und Fortbildungen sind ein immens wichtiger Schlüssel, um auf Dauer beruflich erfolgreich zu sein. Während viele Arbeitnehmer/-innen dies schon lange wissen und auch am eigenen Leibe erfahren, steckt das Fortbildungssystem von Lehrer/-innen noch tief im 20. Jahrhundert fest.

Individuelle Beratung, Online-Kurse, Webinare, Vorträge in einer vollbesetzten Schulaula, intensive dreistündige Workshops, Barcampsessions uvm.: In den letzten Jahren habe ich ganz unterschiedliche Fortbildungsformate an Schulen und Hochschulen durchführen dürfen. Manche Themen und Formate haben dabei besser funktioniert als andere. Ich will nun versuchen, die Quintessenz aus meinen subjektiven Erfahrungen zusammenzufassen.

  1. Wie abstrakt darf eine Fortbildung aufgebaut sein bzw. wie konkret muss sie sein? Ich beginne direkt mit einer der schwierigsten Fragen. Die Antwort ist dabei jedoch ganz einfach: Es hängt von der Zielgruppe ab. Gut, mit dieser Erkenntnis kann niemand etwas anfangen. Meine Faustregel lautet: Je größer und/oder heterogener die Gruppe, desto abstrakter der Inhalt. Und folglich: Je kleiner und/oder homogener die Gruppe, desto konkreter und praktischer der Inhalt. Zur Verdeutlichung nehmen wie folgendes Beispiel: Es geht um einen Inputvortrag vor dem gesamten Kollegium einer Schule. Hier darf der Vortrag aus meiner Sicht abstrakt sein. Es ist eine gute Gelegenheit großes Zusammenhänge (z.B. Transformationsprozesse) aufzuzeigen. Bei einem Workshop mit 10-15 Teilnehmenden lässt sich hingegen gut praktisch arbeiten. Eine zu abstrakte Einführung ist hier eher nicht hilfreich.
  2. Groß Denken führt zu großen Veränderungen
    Das SAMR-Modell gehört wohl zu den bekanntesten Modellen zum digitalen Wandel in der Bildung. Ich bin ehrlich gesagt kein allzu großer Freund dieses Modells. Es wirkt auf den ersten Blick charmant, will man doch alle Beteiligten mitnehmen und auch den Skeptikern einen leichten Einstieg in den Themenkomplex bieten. Es ist aus meiner Perspektive jedoch entscheidend gedanklich relativ schnell zum notwendigen Wandel von Unterricht (change) zu kommen. Beim SMAR-Modell erfolgt dies beim Übergang von der zweiten (Augmentation) zur dritten Phase (Modification). Dies ist aus meiner Perspektive zu spät. Die Gefahr, dass zu viele auf einer Substitutions- oder Erweiterungsebene stehen bleiben, erscheint mit zu hoch. Mein Tipp: Von Anfang an offen und direkt über Wandel und Veränderung sprechen. Dieser kann natürlich schrittweise erfolgen, dennoch: Wer von Anfang an klein denkt, kommt eventuell nie dazu, groß zu denken. Ein Beispiel: Statt über technische Ausstattung, spreche ich mit Bildungseinrichtungen viel lieber über Raumkonzepte. Die Frage nach der Technik stellt sich dann von ganz allein, wir denken die technische Ausstattung aber in einem viel größeren Kontext.
  3. Direct Instruction vs. productive failure
    2015 begann ich mich mit dem Thema Openness und OER auseinander zusetzen. Ich machte dabei eine typische Entwicklung durch. Zu Beginn gefiel mit z.B. die CC BY-SA-NC-Lizenz sehr gut. Super dachte ich, dass ich so kommerzielle Nutzung ausschließen kann. Mittlerweile weiß ich, wie gefährlich NC als Lizenzkomponente sein kann und werde es wohl nie wieder nutzen. (siehe dazu auch “Falsche vs. echte OER“). Mit Begeisterungen stürzte ich mich ebenfalls 2015 auf Anwendungen wie Kahoot oder Online-Quizzes. Heute betrachte ich diese Felder deutlich differenzierter. Tragen sie zum Wandel bei oder können sie ihn sogar behindern? Der differenzierte Blick brauchte in meinem Fall Zeit. Ich machte eine Art ‘Evolution’ durch und mein Verständnis vom Lehren und Lernen in einer durch digitale Medien geprägten Welt schärfte sich (und schärft sich natürlich noch). Die Frage ist nun: Präsentiere ich Lehrer/-innen direkte die Tatsachen: Schaut genau hin bei Anwendungen wie Kahoot (quasi wie beim Ansatz der direct instruction) oder traue ich den Lehrkräften zu, diese Entwicklung selbst durchzumachen? Müssen sie eventuell sogar einen ähnlichen Weg gehen, um ein besseres Verständnis für das große Ganze zu erhalten? Dies wäre dann ein Vermittlungsansatz wie beim productive failure. Ich habe keine wirkliche Antwort auf diese Frage, würde aber zu einer Mischung tendieren. Beim Thema OER bin ich in Fortbildungen offen und rate klar von NC- und ND-Lizenzen ab. Bei anderen Themen (z.B. Kahoot) lasse ich Lehrer/-innen lieber selber machen und begleite sie eher bei der Reflexion des Einsatzes solcher Tools.
  4. Fehler zulassen
    Das Wort productive failure fiel gerade schon, mir geht es hier aber um mehr. Wenn wir mit Unterricht und Schule endlich im 21. Jahrhundert und im digitalen Zeitalter ankommen wollen, müssen wir Freiräume für Fehler haben. Für mich liegt hier der Schlüssel für eine ‘erfolgreiche’ Schulentwicklung. Damit sollten wir Fortbildungen so gestalten, dass Fehler nicht nur gemacht werden können, sondern sogar gewünscht sind. Frei nach dem Motto: Wir haben ein Problem! Super, dann können wir uns nun um eine Lösung kümmern.
  5. Practice what you preach
    Es gibt aus meiner Sicht keine größere Ironie als in Fortbildungen von einer neuen Lernkultur zu sprechen, die Fortbildung dann aber komplett frontal zu gestalten. Und ja, ich habe diesen Fehler auch schon gemacht, und ja, nicht nur einmal. Wer Wandel und Veränderung ‘predigt’, sollte dies auch selber vorleben. Daher gilt es Fortbildungen kreativ, kommunikativ und kollaborativ zu gestalten. Es gilt echte, kritische Diskussionen zu ermöglichen statt Pseudo-Diskussionen am Ende eines Vortrages.
  6. Mehr Menschen für Fortbildungen offiziell zulassen.
    Die Kriterien für Menschen, die Fortbildungen offiziell an Schulen durchführen dürfen, müssen deutlich erweitert werden. Schulentwicklung kann nur dann gelingen, wenn auch Menschen von außerhalb des Systems für Fortbildungen offiziell zugelassen werden. Eine digital geprägte Welt ist eine dynamische Welt. Daher brauchen wir auch ein dynamischeres Fortbildungswesen.
  7. Am Ende ist es eine Frage der Haltung
    Die meisten meiner Fazits zum Wandel in der Bildung lauten aktuell so: Am Ende ist es eine Frage der Haltung. Daran müssen wir arbeiten: An der Haltung der Lehrkräfte, der Schulleitungen, der Lehrerbildung, der Schulämter, des Ministeriums. Wir brauchen Menschen, die ein Open Mindset haben und bereit sind neue, unbekannt Wege zu gehen. Wenn wir uns in Fortbildungen ein Ziel setzen wollen, dass immer mit geplant werden sollte, dann die Lehrkräfte dazu anregen, ihre Haltung zu Schule, Unterricht oder Lernen zu überdenken. Wie kann dies gelingen? Ein Baustein können Fortbildungen sein, die kreativ, kommunikativ und kollaborativ gestaltet sein, die Fehler und kritisches Denken zulassen und fördern, die in ihrer Umsetzung eine andere Art des Lehrens und Lernens vorleben.

Ich freue mich auch zu diesem Beitrag über Lob, Kritik, Anregungen oder Gegenreden.

 

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2 Kommentare

  1. Toller Beitrag. Ist mir ganz aus der Seele gesprochen. Soll heißen, ich sehe die Dinge ziemlich ähnlich.
    Da es bei dem Wandel, den das Digitale in Schule bringt, auch um Schulentwicklung geht, ist es umso wichtiger, Perspektiven aufzuzeigen. nach meiner Erfahrung hilft es Lehrkräften immer hier, wenn sie die zeitlichen Perspektiven sehen und dabei erfahren, dass es nicht um einen Wandel von heute auf morgen geht, sondern um Entwicklungszeit Räume von 5 bis 7 Jahren. Und danach beginnt dann der nächste Entwicklungszyklus.

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